Fairschach

 

Zühlke,  W.:

Fairschach 

Beim Normalschach (FIDE-Schach) hat der Spieler Weiß durch das vereinbarte Anzugsrecht einen Tempovorteil gegenüber seinem Gegner Schwarz und er bestimmt mit seinen ersten Zügen maßgeblich die Eröffnungsvariante der Partie. Das führt bei annähernd gleichstarken Spielern dazu, dass Weiß etwa 8 % häufiger gewinnt als Schwarz.

In Schachturnieren realisiert man den Chancenausgleich oft durch Hin- und Rückspiele mit getauschten Farben. Will man durch Veränderungen der Spielweise gleiche Chancen für beide Spieler erreichen, kann man die Gewinnchance für Schwarz durch längere Bedenkzeit erhöhen. Man kann auch den Vorteil von Weiß durch Wegnahme eines Bauern verringern. 

Unterschiedliche Anfangsstellungen mit ausgleichendem Figurenvorteil für Schwarz nach dem Prinzip von CHESS960 wurden von Weltmeister Robert James (Bobby) Fischer /1/ vorgeschlagen.  

In der „Marseiller Variante“ /2/ wurde versucht, mit wechselndem Anzugsrecht nach jeweils zwei Zügen, eine Chancengleichheit für die Spieler zu erreichen. Das führte zu einer neuen Spielweise beim Schach („Zweizugschach“), denn die Spieler machen nach einem Eröffnungszug von Weiß fortan Doppelzüge. Diese Schachvariante wurde um 1925 in Südfrankreich entwickelt und sie wurde auch von Weltmeister Aljechin gerne gespielt. 

Schachvarianten, in denen beide Spieler zur jeweils aktuellen Stellung auf dem Schachbrett gleichzeitig einen Zug machen, führen auch zu fairen gleichen Spielbedingungen für beide Spieler und damit zu gleichen Chancen, wenn diese paarweisen Züge  (Paarzüge) gleichberechtigt in die jeweilige Stellung eingearbeitet werden. 

Die Beschreibung einer solchen Schachvariante, namens „Fairschach“ ist Thema dieses Berichts.
 

Verwendete Begriffe in Schachvarianten

Die verwendeten Begriffe in den Schachvarianten sind nicht immer gleich und eindeutig. Der Begriff „Zug“ wird beim Normalschach in Deutschland sowohl für den Zug einer Figur und auch für die beiden aufeinanderfolgenden Züge  von Weiß und Schwarz verwendet. Man findet  auch „halber“ und „ganzer“ Zug oder „Halbzug“ und “Vollzug“, dem englischsprachigem  „half move“ und „full move“ entsprechend. 

Beim hier beschriebenen Fairschach wird der Begriff „Zug“ nur für das Ziehen einer Figur verwendet. Zur eindeutigen Beschreibung wird manchmal eine Ergänzung hinzugefügt, wie  „Zug eines Spielers“  oder „Figurenzug“.

Die beiden paarweise zusammengehörigen und gleichzeitig gezogenen Figurenzüge von Weiß und Schwarz zur selben Stellung werden hier als „Paarzug“ bezeichnet und in Klammern gefasst.  Beispielsweise werden die beiden zusammengehörigen Eröffnungszüge d2-d4 und Sg8-f6 als erster Paarzug  [1. d2-d4, Sg8-f6]  notiert.

Werden die beiden Figurenzüge eines Paarzugs in einem Sonderfall nacheinander gezogen, ist das ein „Paarzug mit Erstzugrecht“ oder es sind „zwei  Einzelzüge“ in notierter Reihenfolge. (Wenn der schwarze König schachbedroht ist, zieht eben auch mal Schwarz vor Weiß.)

Zwei in der Marseiller Variante /2/  nacheinander gezogene gleichfarbige Figurenzüge werden in der Literatur als „Doppelzug“ oder auch als “Zweierzug“ bezeichnet, wobei auch die Rochade als Doppelzug bezeichnet wird.
 

Sonderfälle beim Normalschach und bei Paarzügen

Das Ziel der hier untersuchten Schachvariante „Fairschach“ ist, die Chancengleichheit der Spieler zu erreichen. Dazu sind gleichzeitige und gleichberechtigte Züge der Spieler zu den Stellungen a priori ein probates Mittel. Der Charakter und die grundsätzliche Spielweise des Schachspiels soll dabei erhalten bleiben. Geringe Änderungen im Regelwerk sind aber nicht zu umgehen, denn es gibt auch Zugregeln beim Normalschach, die mit gleichzeitigen Zügen nicht normalschachmäßig gespielt werden können und deshalb beim Fairschach als Sonderfälle behandelt werden müssen. 

SF1:Die Abwehr einer Königsbedrohung ist ein Pflichtzug beim Normalschach und dieser Abwehrzug soll vor dem nächsten Zug des Gegners erfolgen. 

SF2: Ein „en passant“ schlagbarer Bauer darf beim Normalschach nur im nächsten Zug geschlagen werden und dazu darf dieser Bauer noch nicht weitergezogen sein. 

(Die Sonderfälle SF1 und SF2 entstehen also nicht erst beim gleichzeitigen Ziehen der Figuren. Sie wurden schon beim Normalschach durch Sonderregelungen geschaffen.) 

SF3: Das Wiederschlagen einer gegnerischen Figur, die soeben eine Figur des Spielers geschlagen hat, soll auch hier möglich sein. Dazu muss auch diese Figur noch auf ihrem Feld stehen. 

Will man diese Sonderfälle beim Fairschach wenigstens normalschachähnlich spielen, müssen manche Züge doch nacheinander ausgeführt werden oder die drohende oder schlagbare Figur darf im nächsten Paarzug nicht ziehen. 

Um diese Zugfolge zu realisieren, müssen zwei Einzelzüge angesetzt werden, wie beim Normalschach, oder der bedrohte Spieler erhält im nächsten Paarzug ein Erstzugrecht oder die schachgebende Figur muss im nächsten Paarzug wegen Ziehverbots pausieren, damit der Spieler versuchen kann, die Bedrohung seines Königs abzuwehren oder den Schlagzug auszuführen, bevor der Gegner wieder ziehen darf.

Beim gleichzeitigen  Ziehen von zwei Figuren in Paarzügen treten auch Sonderfälle (SF4 bis SF7) auf, die beim Normalschach gar nicht vorkommen können.  

SF4: Wenn in einem Paarzug für beide Figuren dasselbe Zielfeld angegeben ist, muss eine Doppelbelegung dieses Zielfeldes vermieden werden. Dazu muss mindestens eine Figur am Ziehen gehindert werden oder sie muss geschlagen werden.

 Beim Fairschach schlägt die stärkere Figur die schwächere. Gleichstarke Figuren schlagen sich gegenseitig. Die dabei geltende abnehmende Stärkeskala ist: König, Dame, Turm, Leichtfigur, Bauer. 

Die Leichtfiguren (Läufer und Springer) gelten hier als gleichstark, um Streitfälle zu vermeiden. Ein König darf nur mit einem geradeausziehenden Bauern auf dasselbe Zielfeld ziehen und er schlägt dort den Bauern.

SF5: Steht auf dem Zielfeld einer Figur bereits eine gegnerische Figur, wird diese geschlagen. Ist aber im Paarzug das Zielfeld der angreifenden Figur auch als Startfeld der angegriffenen Figur  angegeben, ist die angegriffene Figur schon weggezogen, wenn die angreifende Figur dort ankommt. Die weggezogene Figur kann nicht mehr geschlagen werden. Ist das Zielfeld jeder Figur auch das Startfeld der anderen Figur, weil sich beide Figuren gegenseitig schlagen wollen, tauschen sie nur ihre Plätze.

SF6: Liegen die Start- und Zielfelder beider Figuren (aus Dame, Turm oder Läufer)  eines Paarzugs auf derselben Reihe, Linie oder Diagonale und das Zielfeld jeder Figur liegt zwischen dem Ziel- und dem Startfeld der anderen Figur, ziehen die beiden Figuren auf derselben Reihe, Linie oder Diagonale in entgegengesetzter Richtung auf ihr Zielfeld. 

Das Problem dabei ist, das sie unterwegs aneinander vorbei müssen, ohne sich gegenseitig zu behindern. Beim Normalschach darf der Springer über stehende Figuren unterschiedlicher Farbe springen.  In Schachvarianten mit gleichzeitigen Figurenzügen ziehen nun entgegengesetzt ziehende oder auf sich kreuzenden Bahnen treffende Figuren aneinander vorbei. 

Man muss sie zulassen, denn sie sind ursächlich mit gleichzeitigen Zügen verbunden, erfüllen alle Zugregeln beim Fairschach, sind ohne signifikante Behinderungen und die Züge lassen sich auch nicht schachnäher ausführen. 

In den Spielregeln zum PaarzugSchach steht deshalb:Gegenseitige Berührungen der beiden Figuren auf ihren Wegen sind wirkungslos.“

Zu SF6 ist im Anhang ein interessantes Beispiel mit einer Stellung angegeben, die auch solche Paarzüge zulässt. 

SF7: Werden beide Könige in einem Paarzug mit Schach bedroht oder sind für beide Könige in einem Paarzug benachbarte Zielfelder angegeben, müssen im nächsten Paarzug zwei Schachdrohungen gleichzeitig abgewehrt werden. 

Zu SF7 werden folgende Lösungsvorschläge zur Diskussion gestellt:

V1:  Das Spiel wird abgebrochen und mit remis bewertet oder

V2: Das Spiel wird mit einem Paarzug fortgesetzt, in dem beide Schachdrohungen abzuwehren sind. 

Gelingt das einem Spieler nicht, hat er verloren. 

Gelingt es beiden Spielern nicht,  wird es mit remis bewertet.

V3: Können beide Spieler in dem Paarzug die Schachdrohung für ihren König abwehren, wird das Spiel mit einem weiteren Paarzug fortgesetzt. Aber die Partie wird beim dritten ähnlichen Problemfall abgebrochen und mit remis bewertet.

Beim Spielen mit gleichzeitigen Zügen ändert sich also doch mehr als sich anfangs vermuten ließ und das Spiel bietet außer der Chancengleichheit auch noch zusätzliche taktische Möglichkeiten, das Spiel zu erschweren und spannender zu gestalten.

Andere bekannt gewordene Schachvarianten mit gleichzeitigen Zügen unterscheiden sich in einigen Verfahrensschritten, vor allem aber in der Behandlung der Sonderfälle. 

Es gibt vorgeschlagene Schachvarianten, wie „PSC: Parrow’s Synchronous Chess“ /3/, in denen versucht wird, die Ausführung von Sonderfällen dadurch zu umgehen, dass einige Regeln vom Normalschach nicht übernommen werden. Das en passant Schlagen wird von Parrow  nicht zugelassen und eine gegnerische Figur darf bei ihm nur geschlagen werden, wenn der Spieler diese mit mehr Figuren angreift als der Gegner zum Wiederschlagen zur Verfügung hat. Eine Figur, die von mindestens zwei gegnerischen Figuren angegriffen wird, gilt bei ihm als „eingefroren“ und darf nicht ziehen. Die Figur wird erst wieder „aufgetaut“, wenn sie nicht mehr von mindestens zwei Figuren angegriffen wird, weil eine weggezogen oder geschlagen wurde.

Ralf Hansmann, Arnold J. Krasowsky und Andrey Krasowsky: „Synchron Schach -- das gerechte, ausgeglichene Schach“ /4/ lassen Zwischenphasen zu, die im Normalschachmodus gespielt werden, wenn eine Figur auf ein Feld zieht, das vom Gegner bedroht ist. In einer derartigen Zwischenphase wird auf diesem Feld wie beim Normalschach geschlagen und auch wiedergeschlagen, bis ein Spieler nicht mehr schlagen will oder nicht mehr schlagen kann. Es können auch zwei derartige Phasen auf verschiedenen Feldern parallel laufen. 

Die deutsche Übersetzung dieser wahrscheinlich ältesten Schachvariante mit gleichzeitigen Zügen wurde erst spät unter „Hexenschach“ gefunden.  (Wer sucht denn auch unter Hexenschach?)
 

Spielen mit Paarzügen

Gespielt wird beim „Fairschach“ auf dem beim Normalschach üblichen Spielfeld mit den dort verwendeten Figuren und deren Zugrechten. Es gelten auch alle dort geltenden Schlag-,  Remis- und Mattregeln. Zu der jeweils aktuellen Stellung darf jeder Spieler sich für einen Zug entscheiden, der bei dieser Stellung auch beim Normalschach zulässig wäre.

Die von den Spielern nach individueller Bedenkzeit zur aktuellen Stellung entschiedenen Züge werden mit Angabe von Start- und Zielfeld, vom jeweiligen Gegner nicht einsehbar, zunächst in Zwischenspeicher eingegeben und jeder Spieler stoppt nach seiner Eingabe seine Uhr. Wenn beide Uhren gestoppt sind, werden die Züge aus den Speichern zeitgleich ausgelesen, beiden Spielern gleichzeitig angezeigt und zu einem Paarzug zusammengefasst. Dieser Paarzug wird dann von den Spielern gemeinsam in die Stellung auf dem Schachbrett eingearbeitet. Danach werden beide Uhren wieder gestartet. 

Das gleichzeitige Auslesen der zu unterschiedlichen Zeiten eingespeicherten Züge synchronisiert die Züge der Spieler. Das vereinfacht das gleichzeitige Erkennen des gegnerischen Zuges, die gemeinsame Einarbeitung dieser Züge und die exakte Messung der Bedenkzeiten. 

Diese Synchronisierung wurde in mehreren veröffentlichten Schachvarianten zur Namensfindung benutzt. Das führte zu einer Namensvielfalt, wie „Synchronschach“, „Synchron Schach“, „Synchrones Schach“ und im Ausland zu „Synchronous Chess“ und  „SyncChess“. 

Für die hier beschriebene Schachvariante wird seit 2018 der Begriff „Fairschach“  verwendet, weil die paarweisen Figurenzüge gleichzeitig und gleichberechtigt gezogen werden und beiden Spielern ein Schachspiel mit fairen gleichen Chancen geboten wird. Der Begriff „Fairschach“ entspricht auch dem englischen Begriff „Fairchess“, der in einigen Ländern für ähnliche Schachvarianten verwendet wird. 

Den Zug ihres Gegners sehen die Spieler also erst beim zeitgleichen Auslesen der beiden Züge. Beide Spieler müssen daher ihren Zug zur jeweiligen Stellung entscheiden, ohne den Zug ihres Gegners zu kennen. Sie müssen mit unvollständiger Information  ihren Zug entscheiden (Bayes-Theorie). 

Das ist neben der Chancengleichheit eine wesentliche Neuerung dieser Schachvarianten und sie führt zu einer zusätzlichen Erschwernis des Spiels und zu vielen gegenseitigen Überraschungen. 

(Gleichzeitige Aktionen mit unvollständiger Information sind auch eine realistischere Nachbildung militärischer Operationen, wozu dieses strategische Kampfspiel einst entwickelt wurde. Kriegerische Aktionen laufen auch oft gleichzeitig ab und die Entscheidungen müssen auch ohne vollständige Information über bevorstehende Aktionen des Gegners gefällt werden.)

Die damit verbundenen schwierigeren Zugentscheidungen sind für beide Spieler gleich. Das ist gerecht und auch gewollt. Beim Spiel mit gleichzeitigen Zügen ist die Theorie vom Normalschach nur noch begrenzt anwendbar und nach den ersten überraschenden Zügen wird schon viel kreatives Denken gefordert. Die Anzahl der remis endenden Partien wird wohl abnehmen. 
 

Fairschach

Da jeder Spieler bei der Planung seines Zuges den Zug des Gegners noch nicht kennt, darf er seinen Zug so planen und in seinen Zwischenspeicher eingeben, als dürfe er als erster zu dieser Spielstellung ziehen. In den Sonderfällen mit aufeinanderfolgenden Einzelzügen ist für den zweiten Einzelzug aber die Stellung nach dem ersten Einzelzug entscheidend.

Die beiden Figuren starten bei der Einarbeitung in die aktuelle Spielstellung gleichzeitig von ihren Startfeldern und beide Figuren beenden ihren Zug danach auch gleichzeitig auf ihren angegebenen Zielfeldern. Gegenseitige Behinderungen oder Berührungen der beiden Figuren auf ihren Wegen sind wirkungslos.

Zieht eine Figur auf ein Zielfeld, auf dem schon eine gegnerische Figur steht, wird diese Figur des Gegners geschlagen. Ist aber das Zielfeld der angreifenden Figur auch das Startfeld der gegnerischen Figur, dann ist diese Figur nicht mehr da, wenn die angreifende Figur dort ankommt. 

Wird der König eines Spielers mit Schach bedroht, wurden in Testspielen danach zwei Einzelzüge angesetzt (wie beim Normalschach) oder der bedrohte Spieler hat im folgenden Paarzug ein Erstzugrecht erhalten, damit er versuchen kann, diese Bedrohung abzuwehren, bevor der Gegner wieder zieht. 

Wird eine Figur geschlagen, kann der Spieler im nächsten Paarzug von einem Erstzugrecht zum Wiederschlagen Gebrauch machen.

Die ersten Versuche zum Fairschach mit gleichzeitigem Ziehen der Figuren wurden im Jahre 2016 mit dem Schachfreund Rainer Otto aus Elgersburg durchgeführt. Die Testspiele mit formulierten Spielregeln begannen 2018 im Fernschachmodus mit den ehemaligen Schulkameraden, dem internationalen Fernschachmeister Hagen Tiemann aus Templin und Dr. Ulrich Block aus Friedelsheim. Dabei fungierte ich als Spielbetreuer, der die Züge zur jeweiligen Spielstellung durch Emails von den Spielern geliefert bekam und dann beide Züge in die Spielstellung eingearbeitet hat. Die Spieler wurden anschließend mit zeitgleichen Emails über die eingegangenen Züge und die neue Spielstellung informiert. Einige Emails wurden mit Kommentaren ergänzt.

Diese Spielweise bietet sich an, solange Testerfahrungen gesammelt werden und über Auslegungen und zweckmäßige Änderungen der Spielregeln diskutiert wird.

Für die mit Rainer, Hagen und Uli durchgeführten Tests und die mit ihnen geführten Diskussionen der Spielregeln  bin ich ihnen sehr dankbar.  Leider sind diese Schachfreunde inzwischen schon verstorben.

Die Spielweise mit Paarzügen war in normalen Spielsituationen hinreichend einfach und bereitete keine Schwierigkeiten. Zu den Sonderfallregelungen mit zwei Einzelzügen bzw. mit einem kurzen Ziehverbot und dem später noch eingeführtem Erstzugrecht im Paarzug gab es bei den Tests folgende Erkenntnisse. 

Bei den Testspielen mit Paarzügen wurde in den Sonderfällen der Einsatz zweier Einzelzüge, eines Erstzugrechts und selten auch die Verhängung eines kurzen Ziehverbots für eine Figur getestet, um die notwendige Reihenfolge der Züge zu erreichen. Alle drei Varianten können dafür sorgen, dass die gegnerische Figur, die soeben geschlagen hat oder en passant schlagbar gezogen wurde, beim nächsten Zug des Spielers noch auf ihrem Feld steht. 

Beim Paarzug mit Erstzugrecht für einen Spieler muss jeder Spieler seinen Zug auch vorher festlegen, ohne den Zug seines Gegners bereits zu kennen. Bei Schlagzügen (SF2 und SF3) ist die Reihenfolge dieser Züge erst dann klar, wenn beide eingegebenen Züge angezeigt werden; denn en passant Schlag- und Wiederschlagzüge sind keine Pflichtzüge und sie müssen auch nicht vorher angekündigt werden. 

Ein Ziehverbot für eine wiederschlagbare Figur des Gegners muss vor der Zugeingabe des Gegners erklärt werden, denn es gilt nur, wenn der geschlagene Spieler wiederschlagen will. Wenn er ankündigt, einen anderen Zug machen zu wollen, entfällt sein Erstzugrecht.

Zieht man im Sonderfall statt des Paarzugs zwei Einzelzüge, vollendet zunächst der zuerst ziehende Spieler praktisch einen Doppelzug, den er aber nur normal nutzen kann. Sein erster Figurenzug von diesem Doppelzug wurde bereits im vorhergehenden Paarzug gezogen und der zweite wird zur Abwehr der Schachdrohung oder zum Schlagen gebraucht. Sein Gegner aber kann seinen frei nutzbaren ersten Einzelzug manchmal dazu nutzen, den im nachfolgenden Paarzug zu ziehenden Zug gefährlich vorzubereiten, wie Testspiele zeigten.  

Ein Paarzug mit nutzbarem Erstzugrecht dagegen nutzt dem Gegner nach einem Schachgebot weniger als die zwei Einzelzüge, wenn es mehrere Möglichkeiten zur Abwehr des Schachgebots gibt.  

Die Nutzung des Erstzugrechts ist nur beim Schachgebot zwingend. Wenn der Spieler keinen passenden Schlagzug eingegeben hat, entfällt zwar das Erstzugrecht, aber sein Gegner erkennt das erst beim Auslesen der Züge und kann seinen Doppelzug nicht nehr so frei nutzen. 

Wird durch einen mit Erstzugrecht ausgeführten Zug der König des Gegners mit Schach bedroht, darf der Gegner seinen eingegebenen Zug ändern, um die Schachdrohung abzuwehren. 

Bei Schlagzügen ist der Einsatz eines Paarzugs mit Erstzugrecht  oft fairer als zwei Einzelzüge. Mattsetzen ist aber mit Einzelzügen gewohnter und leichter.

Tests mit kurzzeitigem Ziehverbot für eine angreifende Figur wurden nur wenige gemacht, weil es ungewohnt und schachfremd wirkte. 

Eine schachbietende Figur oder ein König wurden auch nicht mit einem Ziehverbot belegt. Als wichtigste Figur sollte der König nicht noch durch Verbote eingeschränkt werden. 

Außerdem lassen sich manche Majestäten sowieso nichts verbieten. Ein chinesischer Kaiser hat sich einst darüber beschwert, dass er sich auf dem Schachbrett von einfachen Mandarins (Beamte) behindern, bedrohen und herumschubsen lassen soll.  Seitdem heißt diese Figur im chinesischen Schach nicht mehr Kaiser, auch nicht König sondern nur noch General.

 

PaarzugSchach

Aus den diskutierten Möglichkeiten werden nun Spielregeln für eine einfache Spielvariante des Fairschachs zusammengestellt, für die der Name „PaarzugSchach“ (Kurzform: „PzS“) gewählt wurde.

Beim PaarzugSchach wird durchgehend mit Paarzügen gespielt, die in Sonderfällen mit einem nutzbaren Erstzugrecht für den mit Schach bedrohten oder schlagberechtigten Spieler ergänzt werden. 

Jeder Spieler darf seinen eingespeicherten Zug noch ändern, solange er seine Uhr noch nicht gestoppt hat. Ist der im Zwischenspeicher eingegebene Zug eines Spielers beim Auslesen nicht eindeutig lesbar oder nicht ausführbar, wird nur der Zug des Gegners ausgeführt. 

Im Sonderfall SF1 erhält der mit Schach bedrohte Spieler ein Erstzugrecht für seinen eingegebenen Zug, wenn er damit die Schachdrohung abwehren kann. Der eingegebene Zug des Gegners wird danach ausgeführt, wenn er dann noch ausführbar ist. Steht der Gegner nach dem Abwehrzug des Spielers im Schach, darf er seinen eingegebenen Zug noch ändern, wenn dieser die Schachdrohung nicht abwehrt.

Hat der Spieler einen entsprechenden Schlagzug zum Sonderfall SF2 oder SF3 eingegeben, zieht er seinen eingegebenen Schlagzug mit Erstzugrecht zuerst. Für einen anderen Zug kann der Spieler in diesem Paarzug kein Erstzugrecht beanspruchen.

Ist in einem Paarzug für beide Figuren dasselbe Zielfeld angegeben (SF4), schlägt die stärkere Figur die schwächere und nur die stärkere Figur zieht auf das ZielfeldDer geschlagene Spieler kann im nächsten Paarzug ein Erstzugrecht in Anspruch nehmen, wenn er wiederschlagen kann und will. 

Diese relativ einfache Schachvariante PaarzugSchach mit vorwiegend gleichzeitigen Zügen erfüllt alle Anforderungen an Fairschach und ist für Einsteiger schon schwer genug.  

Dass das Schachspielen mit Paarzügen schwerer wird, ist starken Spielern durchaus recht; denn Normalschach ist schon weitgehend analysiert und vielen Spielern soweit bekannt, dass die Eröffnungsphase beim Normalschach sehr auf hohe Theoriekenntnisse und Gedächtnisleistung beruht und kreatives Spielen erst später zum Tragen kommt. Eine angepasste Spieltheorie ist noch nicht in Sicht und kann sich erst durch Spielpraxis entwickeln.

Für die Zwischenspeicherung reichen für Training, Freundschaftsspiele und kleinere Turniere die Partieformulare der Spieler aus. Jeder Spieler trägt seinen vorgesehenen Zug eindeutig lesbar in sein Formular ein und legt es verdeckt auf den Tisch. 

Für anspruchsvolle Turniere wird eine zeitgemäße elektronische Speicherung mit zwei verdeckten Eingabetastaturen empfohlen, die die Zwischenspeicherung, die gleichzeitige Anzeige beider Züge, die regelgerechte Einarbeitung und die Anzeige der neuen Stellung für die Spieler (und für die Zuschauer) unterstützt oder auch übernimmt. Außerdem soll sie die verbrauchten Bedenkzeiten messen, die relevanten Daten anzeigen und die Schachpartie protokollieren. 

Die Notation der Figurenzüge erfolgt zweckmäßigerweise in ausführlicher algebraischer Schreibweise mit Angabe von Paarzugnummer, Figur, Startfeld und Zielfeld und den üblichen Zusatzzeichen. Bei der Notation der Paarzüge wird standardmäßig der weiße Zug vor dem schwarzen Zug notiert und Züge mit Erstzugrecht erhalten das Kennzeichen Ezr.  
 

Schlussbemerkungen

Das Ziel, mit gleichzeitigen Zügen den Nachteil von Schwarz zu beheben, ist nach der Eröffnungsphase der Partie schon weitgehend erreicht. In Einsteigerpartien ist die Partie manchmal auch  schon verspielt. Da die Probleme beim Spielen mit Paarzügen durch die Zunahme der Schachgebote insbesondere in Endspielen noch zunehmen, wird Einsteigern bei den ersten Versuchen mit dieser Schachvariante empfohlen,  beim nächsten Schachgebot von Schwarz auf Normalschach umzusteigen und die Partie in der bisher gewohnten und leichteren Form zu Ende zu spielen. 

Die Entwicklung dieser Spielvariante ist mit diesem Bericht sicher nicht abgeschlossen, zumal die Regeln in der Entwicklungsphase oft  geändert wurden. Sie sind auch jetzt noch nichtin Stein gemeißelt. Sie sind als Vorschlag und Diskussionsgrundlage zu betrachten. Es liegen auch noch nicht genügend Erfahrungen vor, um gezielte Hinweise auf eine angepasste  Spieltheorie und –taktik zu dieser Schachvariante geben zu können. 

Die Vielzahl der im Internet zusammengetragenen Schachvarianten zeigt das Interesse an neuen Formen dieses Spiels. Das Spiel mit gleichzeitigen Zügen ist eine zeitgemäße und faire Ergänzung der schon existierenden Schachvarianten. Man kann damit rechnen, dass sich nach ausgiebiger Erprobung, Optimierung und Kompromissfindung eine derartige Schachvariante etablieren wird. 

 Für Diskussionen und zweckdienliche Hinweise zum Fairschach allgemein und zum PaarzugSchach speziell steht meine Emailadresse im Impressum.

Für die Hilfe bei der Arbeit zur Veröffentlichung mit den häufigen Änderungen und Ergänzungen bedanke ich mich bei meinem Sohn Uwe aus Ilmenau, der auch weiterhin die Diskussionen übers Internet unterstützen wird.

 

Literatur:

/1/ https://www.google.com/search?q=CHESS960

/2/ https://www.schach-bremen.de/varianten/marseille.hmtl   

/3/ PSC: Parrow‘s Synchronous Chess

/4/ http://www.hexenspiel.de/synchronschach/   


 

 

Spielregeln zum PaarzugSchach 

PZSR 1:  Die Schachvariante PaarzugSchach wird auf dem beim Normalschach üblichen Spielfeld mit den dort verwendeten Figuren und deren Zugrechten gespielt. Die Figuren beider Spieler werden normalerweise als Paarzug gleichzeitig gezogen und sie wirken gleichberechtigt. In Sonderfällen wird der Paarzug ergänzt durch ein Erstzugrecht für den mit Schach bedrohten oder en passant schlagberechtigten oder wiederschlagenden Spieler.

 PZSR 2:  Jeder Spieler gibt seinen vorgesehenen Zug zur aktuellen Spielstellung mit Angabe von Startfeld und Zielfeld, vom Gegner nicht einsehbar, in seinen Zwischenspeicher ein und stoppt danach seine Uhr. Wenn beide Uhren gestoppt sind, werden beide Züge aus den Zwischenspeichern ausgelesen, beiden Spielern gleichzeitig angezeigt und als Paarzug von den Spielern in die aktuelle Stellung eingearbeitet. Wenn der Zug eines Spielers nicht eindeutig lesbar oder nicht ausführbar ist, wird nur der Zug des Gegners ausgeführt.Danach werden beide Uhren wieder gestartet.

PZSR 3:  Die beiden Figuren eines Paarzugs starten gleichzeitig von ihren Startfeldern und sie gelangen danach auch gleichzeitig und gleichberechtigt wirkend auf ihre Zielfelder. Gegenseitige Behinderungen der beiden Figuren auf ihren Wegen sind wirkungslos. 

PZSR  4:  Steht auf einem Zielfeld bereits eine gegnerische Figur, wird diese geschlagen.

PZSR 5:  Wenn in einem Paarzug zwei Figuren auf dasselbe Zielfeld ziehen, schlägt die stärkere Figur die schwächere. Gleichstarke Figuren schlagen sich gegenseitig. Die hier geltende abnehmende Stärkeskala der Figuren ist: König, Dame, Turm, Leichtfigur, Bauer.  Die Leichtfiguren (Läufer und Springer) gelten als gleichstark. 

Ein geschlagener Spieler darf im nächsten Paarzug ein Erstzugrecht zum Wiederschlagen in Anspruch nehmen, wenn er wiederschlagen kann und auch will. 

PZSR 6:   Wenn der König eines Spielers mit einem Schachgebot bedroht ist oder ein Spieler einen Bauern en passant schlagen darf oder einem  Spieler eine gedeckte Figur geschlagen wurde, wird die Stellung als Sonderfall behandelt. Beide Spieler geben dazu  ihren vorgesehenen Zug in ihren Zwischenspeicher ein und dem bedrohten oder schlagberechtigten Spieler wird ein Erstzugrecht eingeräumt, um das Schachgebot abzuwehren oder um den Bauern en passant zu schlagen oder um eine Figur wiederzuschlagen. Der Gegner zieht seinen eingespeicherten Zug danach, wenn er dann noch ausführbar ist. Hat der Spieler einen anderen Zug eingegeben, entfällt sein Erstzugrecht und beide Züge des Paarzugs werden gleichzeitig und gleichberechtigt in die Stellung eingearbeitet. 

PZSR 7:  Es gelten  die Sieg- und Remisregeln vom Normalschach. Zusätzlich endet die Partie remis, wenn beide Könige im Schach stehen.

    (Überarbeiteter Stand:  14.7.2026 – Zü)

 

 



 


 

 

Anhang

PzS-Beispiel 1:

In der Spielstellung Kc2, Dd1, Bb4, Bc5 für Weiß und Kg6, Dd8, Lg5, Bg4, Bh5 für Schwarz, haben beim Schachspielen mit Paarzügen beide Spieler noch Chancen, mit leichtem Vorteil für Schwarz.  Wenn Schwarz aber einen schnellen Damenabtausch mit De8xd1+ versucht, kann Weiß ihn mit einem überraschenden Manöver besiegen. 

Lösungszüge zum PzS-Beispiel 1

Bei der Spielstellung Kc2, Dd1, Bb4, Bc5 für Weiß und Kg6, Dd8, Lg5, Bg4, Bh5 für Schwarz reicht der Läufervorteil von Schwarz zum Sieg, wenn es ihm gelingt, die Damen auf d1 abzutauschen. (Der Abtausch auf d2 führt nur zum Unentschieden.)

Wenn Schwarz versucht, mit dem Zug Dd8xd1+ die weiße Dame zu schlagen, wird er im Paarzug mit dem weißen Zug Dd1-e2, eine Überraschung durch  den gleichzeitigen Wegzug der weißen Dame erleben. 

Schwarz trifft die weiße Dame nicht mehr an und der weiße König steht im Schach. Weiß erhält deshalb im nächsten Paarzug ein Erstzugrecht, um die Schachdrohung abzuwehren, und er schlägt die schwarze Dame. 

Interessant sind in diesem (konstruierten) Beispiel auch die Nebenlösungen. Die Partie endet nämlich auch mit Damenverlust von Schwarz, wenn Weiß seine Dame von d1 nach d4, d5 oder d7 zieht. 

Wenn Schwarz gleichzeitig Dd8-d1+ zieht, sieht es allerdings so aus, als würden sich die weiße Dame bei ihrem Zug von d1 und die schwarze Dame bei ihrem Zug nach d1 unterwegs begegnen und. gegenseitig überspringen. (Beim Normalschach ist das Überspringen stehender Figuren nur dem Springer erlaubt.)

Man kann auch sagen: „sie ziehen von ihren Startfeldern zu ihren Zielfeldern aneinander vorbei und berühren oder behindern sich wirkungslos“ (SF6). Zwei Figuren können sich beim gleichzeitigen Ziehen auch treffen und wirkungslos behindern, wenn sich ihre Wege kreuzen.


 

 

 

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