Zühlke, Werner
Fairschach und PaarZugSchach
Beim Normalschach (FIDE-Schach) hat der Spieler Weiß durch das vereinbarte Anzugsrecht einen Tempovorteil gegenüber Schwarz und er bestimmt mit seinen ersten Zügen maßgeblich die Eröffnungsvariante der Partie. Das führt bei annähernd gleichstarken Spielern dazu, dass Weiß seine Schachpartie etwa 8 % häufiger gewinnt als Schwarz.
Will man durch Veränderungen gleiche Chancen für beide Spieler erreichen, kann man die Gewinnchance für Schwarz durch längere Bedenkzeit erhöhen. Man kann auch den Vorteil von Weiß durch Wegnahme eines Bauern verringern. In Schachturnieren erreicht man den Chancenausgleich durch Hin- und Rückspiel mit getauschten Farben.
Unterschiedliche Anfangsstellungen mit ausgleichendem Figurenvorteil für Schwarz nach dem Prinzip von CHESS960 wurden von Weltmeister R. Fischer /1/ vorgeschlagen.
In der „Marseiller Variante“ /2/ wird versucht, mit wechselndem Anzugsrecht nach dem ersten und dann nach jeweils zwei Zügen, eine Chancengleichheit für die Spieler zu erreichen. Das führt allerdings zu einer neuen Spielweise beim Schach, denn die Spieler machen nach dem Eröffnungszug von Weiß fortan Doppelzüge (zwei schwarze Züge gefolgt von zwei weißen). Diese interessante Schachvariante wurde in Südfrankreich entwickelt und auch von Weltmeister Aljechin gerne gespielt.
Schachspielvarianten, in denen beide Spieler zur aktuellen Stellung auf dem Schachbrett einen Zug machen, führen auch zu interessanten gleichen Spielbedingungen für beide Spieler und damit zu gleichen Siegchancen, wenn diese Züge paarweise und gleichberechtigt in die Stellung eingearbeitet werden.
Zu den meisten Stellungen kann ein solcher Paarzug, bestehend aus den beiden gleichzeitig ziehenden Zügen von Weiß und Schwarz, die gleichen Stellungsänderungen auf dem Schachbrett erzeugen, wie dieselben nacheinander gezogen Züge beim Normalschach.
Es gibt aber auch Zugregeln beim Normalschach, die mit gleichzeitigen Zügen nicht gespielt werden können und deshalb als Sonderfall behandelt werden müssen.
Sonderfälle
SF1: Die Abwehr eines Königsangriffs ist ein Pflichtzug beim Schach und dieser Abwehrzug muss vor dem nächsten Zug des Gegners erfolgen.
SF2: Ein en passant schlagbarer Bauer darf nur im nächsten Zug des Spielers geschlagen werden und dazu muss dieser Bauer noch auf seinem Feld stehen.
SF3: Das Wiederschlagen einer gegnerischen Figur, die soeben eine Figur des Spielers geschlagen hat, soll auch hier im nächsten Zug des Spielers möglich sein. Diese Figur muss noch auf ihrem Feld stehen, wenn der nächste Zug (Schlagzug) des Spielers dort ankommt.
SF4: Wenn in einem Paarzug für beide Figuren dasselbe Zielfeld angegeben ist, muss eine Doppelbelegung des Zielfeldes verhindert werden. Wird dazu eine Figur geschlagen, erhält der geschlagene Spieler ein Wiederschlagsrecht nach SF3.
Die Sonderfälle SF1 bis SF3 entstehen also nicht erst beim gleichzeitigen Ziehen. Sie wurden schon beim Normalschach durch Sonderregelungen geschaffen.
Um die Probleme der Sonderfälle normalschachähnlich zu lösen, müssen manche Figuren doch nacheinander ziehen.
Beim Fairschach wurde in Sonderfällen der Einsatz zweier Einzelzüge, eines Erstzugrechts und im geringen Umfang auch die Verhängung eines kurzen Ziehverbots für eine Figur getestet.
Wenn ein König im Schach steht oder ein Schlagzug ausgeführt werden darf, können zwei Einzelzüge statt eines Paarzugs oder ein Paarzug mit Erstzugrecht gespielt werden. (Manchmal zieht dabei auch Schwarz vor Weiß.)
Beim Erstzugrecht im Paarzug muss jeder Spieler seinen Zug auch vorher festlegen, ohne den Zug seines Gegners schon zu kennen. Bei Schlagzügen (Sf2 und SF3) ist die Reihenfolge der Züge erst ersichtlich, wenn die eingegebenen Züge angezeigt werden; denn en passant Schlagen und Wiederschlagen sind keine Pflichtzüge und sie müssen auch nicht vorher angekündigt werden.
Ein Ziehverbot für eine wiederschlagbare Figur des Gegners muss vor der Zugeingabe des Gegners erklärt werden, denn es gilt nur, wenn der geschlagene Spieler wiederschlagen will und nicht, wenn er stattdessen einen anderen Zug machen will.
Die bisher bekannt gewordenen Schachvarianten mit gleichzeitigen Zügen unterscheiden sich in einigen Verfahrensschritten, vor allem aber bei der Behandlung der Sonderfälle.
Es gibt vorgeschlagene Schachvarianten, wie „PSC: Parrow’s Synchronous Chess“ /3/, in denen versucht wird, die Ausführung von Sonderfällen zu umgehen, indem einige Schachzüge vom Normalschach abweichen. Das en passant Schlagen wird von Parrow gar nicht zugelassen und eine gegnerische Figur darf bei ihm auch nur geschlagen werden, wenn der Spieler diese mit mehr Figuren angreift als der Gegner zum Wiederschlagen zur Verfügung hat. Eine Figur, die von mindestens zwei gegnerischen Figuren angegriffen wird, gilt dort als „eingefroren“ und darf nicht ziehen. Sie kann dadurch vom Gegner in einem der nächsten Paarzüge geschlagen werden. Die Figur wird erst wieder „aufgetaut“, wenn sie nicht mehr von mindestens zwei Figuren angegriffen ist, weil andere weggezogen oder geschlagen wurden.
Ralf Hansmann, Arnold J. Krasowsky und Andrey Krasowsky: „Synchron Schach -- das gerechte, ausgeglichene Schach“ /4/ lassen Zwischenphasen zu, die im Normalschachmodus gespielt werden, wenn eine Figur auf ein Feld zieht, das vom Gegner bedroht ist. In einer derartigen Zwischenphase wird auf diesem Feld wie beim Normalschach geschlagen und auch wiedergeschlagen, bis ein Spieler nicht mehr schlagen will oder nicht mehr schlagen kann. Es können auch zwei derartige Phasen auf verschiedenen Feldern parallel laufen.
(Die deutsche Übersetzung dieser wahrscheinlich ältesten Schachvariante mit gleichzeitigen Zügen wurde erst später unter „Hexenschach“ gefunden. Wer sucht denn auch noch unter „Hexenschach“?)
Verwendete Begriffe in Schachvarianten
Die verwendeten Begriffe in den Schachvarianten sind nicht immer gleich und eindeutig. Der Begriff „Zug“ wird beim Normalschach in Deutschland sowohl für den Zug einer Figur als auch für die beiden aufeinanderfolgenden Züge (von Weiß und Schwarz) verwendet. Im englischen Sprachgebrauch wird da deutlich zwischen „half move“ und „full move“ unterschieden.
Beim Fairschach wird der Begriff „Zug“ nur für das Ziehen einer Figur verwendet. Bei deutlicher Beschreibung wird auch noch eine Ergänzung hinzugefügt, wie „Zug eines Spielers“ oder „Figurenzug“.
Die paarweise zusammengehörigen gleichzeitigen Figurenzüge zur selben Stellung werden als „Paarzug“ bezeichnet.
Werden die Figurenzüge eines Paarzugs im Sonderfall nacheinander ausgeführt, sind das „zwei Einzelzüge“ bzw. ein „Paarzug mit Erstzugrecht“ für einen Spieler.
Wenn zwei gleichfarbige Figurenzüge hintereinander gezogen werden, wie in der Marseiller Variante, ist das ein „Doppelzug“.
Schachspielen mit Paarzügen
Gespielt wird beim Fairschach auf dem beim Normalschach üblichen Spielfeld mit den dort verwendeten Figuren und deren Zugrechten. Es gelten auch alle dort geltenden Schlag-, Remis- und Mattregeln mit wenigen Zusätzen.
Zu den Sonderfällen werden unten spezielle Regelungen angegeben.
Die von den Spielern nach individueller Bedenkzeit zur aktuellen Stellung entschiedenen Züge werden mit Angabe von Startfeld und Zielfeld, vom jeweiligen Gegner zunächst nicht einsehbar, in Zwischenspeicher eingegeben und jeder Spieler stoppt nach seiner Eingabe seine Uhr.
Wenn beide Uhren gestoppt sind, werden die Züge aus den Speichern zeitgleich ausgelesen, beiden Spielern angezeigt und zu einem Paarzug zusammengefasst. Dieser Paarzug wird dann von den Spielern gemeinsam in die Stellung auf dem Schachbrett eingearbeitet und danach werden beide Uhren wieder gestartet.
Das gleichzeitige Auslesen der zu unterschiedlichen Zeiten eingespeicherten Züge synchronisiert die Züge der Spieler. Das vereinfacht die gleichzeitige Erkennung des gegnerischen Zuges, die gemeinsame Einarbeitung dieser Züge und die exakte Messung der Bedenkzeiten.
Diese Synchronisierung wurde in mehreren veröffentlichten Schachvarianten zur Namensfindung benutzt. Das führte zu einer Namensvielfalt, wie „Synchronschach“, „Synchron Schach“, „Synchrones Schach“ und auch zu „Synchronous Chess“ und „SyncChess“.)
Für die hier beschriebene Schachvariante wird seit 2018 der Begriff „Fairschach“ verwendet, weil die paarweisen Figurenzüge gleichberechtigt gezogen werden und beiden Spielern ein Schachspiel mit fairen gleichen Chancen im gesamten Spiel geboten wird. Der Begriff „Fairschach“ entspricht dem englischen Begriff „Fairchess“, der auch in anderen Ländern für ähnliche Schachvarianten verwendet wird.
Den Zug ihres Gegners sehen die Spieler erst beim zeitgleichen Auslesen der beiden Züge. Die Spieler müssen ihren Zug zur jeweiligen Stellung entscheiden, ohne den Zug ihres Gegners zu kennen. Sie müssen mit unvollständiger Information ihren Zug entscheiden (Bayes-Theorie).
Das ist neben der Chancengleichheit eine wesentliche Eigenschaft dieser Schachvariante und sie führt zu einer zusätzlichen Erschwernis dieser Schachvariante und bestimmt auch zu vielen Überraschungen.
(Gleichzeitige Aktionen mit unvollständiger Information sind auch eine realistischere Nachbildung militärischer Operationen, wozu dieses strategische Kampfspiel einst entwickelt wurde. Kriegerische Aktionen laufen auch oft gleichzeitig ab und die Entscheidungen müssen auch ohne vollständige Informationen über bevorstehende Aktionen des Gegners gefällt werden. Der Verteidiger reagiert nicht immer erst nach einem Angriff des Gegners.)
Die damit verbundenen neuen und schwierigeren Spielprobleme sind für beide Spieler gleich. Das ist gerecht und auch gewollt. Normalschach ist schon weitgehend analysiert und vielen Spielern soweit bekannt, dass insbesondere die Eröffnungsphase sehr auf hohe Theoriekenntnisse und Gedächtnisleistungen beruht. Beim Spiel mit gleichzeitigen Zügen ist die Theorie vom Normalschach nur noch begrenzt anwendbar und nach den ersten überraschenden Zügen wird schon viel neues Denken und Kreativität gefordert. Die Anzahl der remis endenden Partien wird wohl abnehmen.
Fairschach
Die beiden Figuren starten bei der Einarbeitung in die aktuelle Spielstellung gleichzeitig von ihren Startfeldern und beide Figuren beenden ihren Zug danach auch zur gleichen Zeit auf ihren angegebenen Zielfeldern. Gegenseitige Berührungen oder Behinderungen der beiden Figuren auf ihren Wegen sind wirkungslos.
Zieht eine Figur auf ein Zielfeld, auf dem schon eine gegnerische Figur steht, wird diese Figur geschlagen. Ist aber das Zielfeld der angreifenden Figur auch das Startfeld der angegriffenen Figur, ist die gegnerische Figur nicht mehr da, wenn die angreifende Figur dort ankommt. Die wegziehende Figur kann nicht mehr geschlagen werden.
Wollen sich beide Figuren eines Paarzugs gegenseitig schlagen (das Zielfeld jeder Figur ist dabei auch das Startfeld der anderen Figur), tauschen sie nur ihre Plätze.
Wird der König eines Spielers mit Schach bedroht (SF1), können zwei Einzelzüge angesetzt werden, wie beim Normalschach, oder im nachfolgenden Paarzug erhält der bedrohte Spieler ein Erstzugrecht oder die schachgebende Figur muss im nächsten Paarzug wegen Ziehverbot eine Zugpause einlegen, damit der Spieler versuchen kann, diese Bedrohung abzuwehren, bevor der Gegner wieder zieht. (Noch sind das mögliche Vorschläge. Gespielt wird nach vereinbarten Spielregeln.)
Stehen beide Könige nach einem Paarzug im Schach oder sind für beide Könige im Paarzug benachbarte Zielfelder angegeben, wo sie sich gegenseitig bedrohen, endet die Partie remis.
Ist in einem Paarzug für beide Figuren dasselbe Zielfeld angegeben (SF4), können sie sich gegenseitig schlagen oder die stärkere Figur schlägt die schwächere oder die später entschiedene Figur schlägt die zuerst eingespeicherte oder die schwächere Figur verzichtet auf ihren Zug, was aber der Ziehpflicht beim FIDE-Schach widersprechen würde.
Da ein solcher Paarzug auf dasselbe Zielfeld auch voraussehbar ist, zumal es nur auf bedrohten und gedeckten Feldern vorkomm sollte, wird der geschlagene Spieler im nächsten Paarzug von einem Erstzugrecht zum Wiederschlagen Gebrauch machen können.
Beim Fairschach schlägt derzeit die stärkere Figur die schwächere. Gleichstarke Figuren schlagen sich gegenseitig.
Die dabei geltende abnehmende Stärkeskala ist: Dame, Turm, Leichtfigur, König, Bauer. Die Leichtfiguren (Läufer und Springer) gelten als gleichstark, um Streitfälle zu vermeiden. Ein König kann nur mit einem geradeausziehenden Bauern auf dasselbe Zielfeld ziehen und schlägt den Bauern.
Wird der König eines Spielers schachbedroht, könnten beim Fairschach zwei Einzelzüge gespielt werden oder dem bedrohtem Spieler wird im Paarzug ein Erstzugrecht eingeräumt. (Beim Spiel mit dem Erstzugrecht im Paarzug muss der Gegner seinen Zug auch schon entscheiden, ohne den Abwehrzug zu kennen. Dass ist für den bedrohten Spieler vorteilhaft, denn Mattsetzen kann damit auch für einen figurenmäßig überlegenden Gegner eine schwierige Angelegenheit werden, wenn der Verteidiger mehrere Möglichkeiten zur Abwehr hat.
Zur Behandlung der Sonderfälle wurde beim Fairschach zunächst der Einsatz von zwei Einzelzügen und der eines kurzen Ziehverbots im folgenden Paarzug für eine Figur getestet. Später wurde dann auch eine Erstzugregelung erprobt. Alle drei Verfahren können grundsätzlich dafür sorgen, dass dem mit Schach bedrohtem Spieler die Zeit gegeben wird, diese Drohung möglichst abzuwehren. Sie können auch dafür sorgen, dass die gegnerische Figur, die soeben geschlagen hat oder en passant schlagbar gezogen wurde, beim nächsten Zug des Spielers noch auf ihrem Feld steht.
Testauswertung
Die ersten Versuche mit gleichzeitigem Ziehen der Figuren wurden im Jahre 2016 mit dem Schachfreund Rainer Otto aus Elgersburg durchgeführt. Die Testspiele mit neu entworfenen Spielregeln wurden dann ab 2018 im Fernschachmodus mit den ehemaligen Schulkameraden, dem internationalen Fernschachmeister Hagen Tiemann aus Templin und Dr. Ulrich Block aus Friedelsheim gestartet. Dabei fungierte ich als Spielbetreuer, der die Züge zur jeweiligen Spielstellung durch Emails von beiden Spielern geliefert bekam. Nach Eingang beider Züge (ohne fest begrenzter Bedenkzeit) wurden diese in die Spielstellung eingearbeitet und die Spieler wurden mit zeitgleichen Emails über die eingegangenen Züge und die neue Spielstellung informiert.
Diese Spielweise bietet sich an, solange Testerfahrungen gesammelt werden und über Auslegungen und zweckmäßige Änderungen der Spielregeln diskutiert wird.
Für die mit Rainer, Hagen und Uli durchgeführten Tests und die mit ihnen geführten Diskussionen der Spielregeln bin ich ihnen sehr dankbar. Leider leben diese Schachfreunde nun nicht mehr.
Die Spielweise mit Paarzügen war in normalen Spielsituationen hinreichend einfach und bereitete keine Probleme. Zu den Sonderfallregelungen mit zwei Einzelzügen oder einem kurzen Ziehverbot und dem später noch eingeführtem Erstzugrecht im Paarzug gab es bei den Tests folgende Erkenntnisse.
Zieht man im Sonderfall statt des Paarzugs zwei Einzelzüge, macht zunächst der zuerst ziehende Spieler praktisch einen Doppelzug, den er aber nur normal nutzen kann. Sein erster Figurenzug vom Doppelzug wurde bereits im vorhergehenden Paarzug gezogen und der zweite wird zur Abwehr der Schachdrohung oder zum Schlagen gebraucht. Sein Gegner aber kann seinen frei nutzbaren Einzelzug manchmal so vorbereiten, dass sein Zug im nachfolgenden Paarzug gefährlich nutzbar wird, wie Testspiele zeigten.
Ein Paarzug mit nutzbarem Erstzugrecht nutzt dem Gegner nach einem Schachgebot weniger als zwei Einzelzüge, wenn es mehrere Möglichkeiten zur Abwehr des Schachgebots gibt.
Die Nutzung des nutzbaren Erstzugrechts ist nur beim Schachgebot zwingend. Bei den Schlagzügen ist es keine Erstzugpflicht. Wenn der Spieler keinen passenden Schlagzug sondern einen anderen Zug eingegeben hat, entfällt zwar das Erstzugrecht, aber sein Gegner erkennt das erst beim Auslesen der Züge. Wird durch einen mit Erstzugrecht ausgeführten Zug der König des Gegners bedroht, darf der Gegner seinen eingegebenen Zug ändern.
Bei Schlagzügen ist der Einsatz eines Paarzugs mit nutzbarem Erstzugrecht oft fairer als zwei Einzelzüge. Mattsetzen ist aber mit Einzelzügen gewohnter und leichter.
Tests mit kurzzeitigem Ziehverbot für eine angreifende Figur wurden nur wenige gemacht, weil es ungewohnt und schachfremd wirkte. (Wie oben bereits erwähnt, geben Parrow /3/ durch „Einfrieren“ und Hansmann u.a. /4/ mit „Zwischenphasen“ ähnlich wirkende aufwendige Ziehverbotsvarianten an.)
Eine schachbietende Figur oder ein König wurden auch nicht mit einem Ziehverbot belegt. Als wichtigste Figur sollte der König nicht dermaßen eingeschränkt werden.
(Außerdem lassen sich manche Majestäten sowieso nichts verbieten. Ein chinesischer Kaiser hat sich einst darüber beschwert, dass er sich auf dem Schachbrett von einfachen Mandarins (Beamte) behindern, bedrohen und herumschubsen lassen soll. Seitdem heißt diese Figur im chinesischen Schach nicht mehr Kaiser oder König sondern nur noch General.)
PaarZugSchach
Aus den beschriebenen Möglichkeiten zum Fairschachs werden nun Spielregeln für eine einfache Spielvariante zusammengestellt, für die der Name „PaarZugSchach“ (Kurzform: „PZS“) gewählt wurde.
Beim PaarZugSchach wird durchgehend mit Paarzügen gespielt, die in Sonderfällen mit einem nutzbaren Erstzugrecht für einen Spieler ergänzt werden. (Beim Sonderfall SF1 ist für Einsteier in Endspielen auch der Einsatz von zwei Einzelzügen nicht ausgeschlossen.)
Jeder Spieler darf seinen eingespeicherten Zug noch ändern, solange er seine Uhr noch nicht gestoppt hat. Ist der im Zwischenspeicher (Spielprotokoll) aufgeschriebene Zug eines Spielers beim Auslesen nicht eindeutig lesbar oder nicht ausführbar, wird nur der Zug des Gegners ausgeführt.
Im Sonderfall SF1 erhält der mit Schach bedrohte Spieler ein Erstzugrecht für seinen eingegebenen Zug, um damit die Schachdrohung abzuwehren, wenn das noch möglich ist. Der eingegebene Zug des Gegners wird danach ausgeführt, wenn er dann noch ausführbar ist.
Da das Mattsetzen mit Erstzugrecht in den Paarzügen oft schwierig ist, soll für Einsteiger in Endspielen (wie K, S, L gegen K) ein Umschalten auf Einzelzüge möglich bleiben.
Hat der Spieler einen entsprechenden Schlagzug zum Sonderfall eingegeben, zieht er seinen eingegebenen Schlagzug zuerst. Danach folgt der eingegebene Zug des Gegners.
Für einen anderen Zug kann der Spieler in diesem Paarzug kein Erstzugrecht beanspruchen. Beide Züge werden dann als Paarzug gleichzeitig in die Stellung eingearbeitet.
Ist in einem Paarzug für beide Figuren dasselbe Zielfeld angegeben (SF4), schlägt die stärkere Figur die schwächere. Die stärkere Figur zieht auf das Zielfeld. Der andere Spieler kann im nächsten Paarzug ein Erstzugrecht zum Wiederschlagen in Anspruch nehmen, wenn er schlagen kann und auch will. Gleichstarke Figuren schlagen sich gegenseitig.
Diese relativ einfache Schachvariante mit überwiegend gleichzeitigen Zügen erfüllt die gestellten Anforderungen an Fairschach und ist auch schon schwer zu spielen. Beide Spieler wissen nur in Sonderfällen, ob die gegnerische Figur, die mit ihrem Zug geschlagen werden soll, noch auf ihrem Feld stehen wird, wenn ihre Figur dort ankommt. Sie wissen auch nicht, ob das Feld, auf das ihre Figur zieht, durch die gegnerische Figur auch besetzt wird oder ob ihr Zielfeld zusätzlich angegriffen wird.
Dass das Spielen schwerer wird, ist starken Spielern durchaus recht; denn Normalschach ist schon weitgehend analysiert und vielen Spielern soweit bekannt, dass die Eröffnungsphase beim Normalschach sehr auf hohe Theoriekenntnisse und Gedächtnisleistung beruht und kreatives Spielen erst später zum Tragen kommt.
Darum ist das Spiel mit gleichzeitigen Zügen eine zeitgemäße und sinnvolle Ergänzung der schon existierenden Schachvarianten. Man kann damit rechnen, dass sich nach ausgiebiger Erprobung, Kompromissfindung und Optimierung, eine derartige Spielvariante durchsetzen wird.
Für die Zwischenspeicherung reichen für Training, Freundschaftsspiele und kleinere Turniere die Partieformulare der Spieler aus. Jeder Spieler trägt seinen vorgesehenen Zug eindeutig lesbar in sein Partieformular ein und legt es verdeckt auf den Tisch. Danach stoppt der Spieler seine Uhr.
Für anspruchsvolle Turniere wird eine zeitgemäße elektronische Speicherung mit zwei verdeckten einfachen Eingabetastaturen empfohlen, die die Zwischenspeicherung, die anschließende gleichzeitige Anzeige beider Züge, die regelgerechte Einarbeitung und die Anzeige der neuen Stellung für die Spieler (und für die Zuschauer) unterstützt oder sogar übernimmt. Außerdem soll sie die verbrauchten Bedenkzeiten messen, die relevanten Daten anzeigen und die Schachpartie protokollieren. (Eine dankbare Aufgabe für einen Programmierer.)
Die Notation der Paarzüge erfolgt zweckmäßigerweise mit Angabe von Zugnummer, Startfeld und Zielfeld und mit üblichen Zusatzzeichen. Bei der Notation der Paarzüge wird standardmäßig der weiße Zug vor dem schwarzen notiert.
Wenn in einem Paarzug der schwarze König mit Schach bedroht ist und im nächsten Paarzug Schwarz zuerst zieht, wird in der Zeile des Spielprotokolls statt des (erwarteten) weißen Zugs ein Strich gezogen und der schwarze Zug wird wie üblich eingetragen. In den darauffolgenden Paarzügen steht dann wieder ein weißer Zug vor dem schwarzen im Protokoll.
Für Fernschach mit einfacher Codierung für die elektronische Zugübertragung bietet sich ein Oktalcode sowohl für die Start- und Zielfelder als auch für die Figuren und die zusätzlichen Kennzeichen an.
Schlussbemerkungen
Die Entwicklung dieser Spielvariante ist mit diesem Bericht sicher nicht abgeschlossen, zumal die Regeln in der Einführungsphase schon oft geändert und vereinfacht wurden. Sie sind auch jetzt noch nicht „in Stein gemeißelt“. Sie sind als Vorschlag und Diskussionsgrundlage zu betrachten und sie können auch, wenn gewünscht, noch schwieriger gestaltet werden. (Für Diskussionen und zweckdienliche Hinweise steht meine Emailadresse im Impressum.)
Für die Hilfe bei der Arbeit zur Veröffentlichung mit den häufigen Ergänzungen im Internet bedanke ich mich bei meinem Sohn Uwe aus Ilmenau, der auch weiterhin die Diskussionen übers Internet unterstützen wird.
Das Ziel, mit gleichzeitigen Zügen den Nachteil von Schwarz beim Normalschach zu beheben, ist nach der Eröffnungsphase der Partie schon weitgehend erreicht. Da aber die Probleme beim Spielen der Sonderfälle durch die Zunahme der Schachgebote, insbesondere in Endspielen zunehmen, wird Einsteigern beim Spielen dieser Schachvariante empfohlen, wenn nur noch wenige Figuren auf dem Schachbrett stehen, beim nächsten Schachgebot von Schwarz auf Normalschach umzustellen und die Partie in der bisher gewohnten und leichteren Form zu Ende zu spielen.
Erst bei der nun dritten Überarbeitung wurde erkannt, dass beim gleichzeitigen Ziehen der beiden Figuren eines Paarzugs manchmal zwei Figuren unter Einhaltung aller Regeln so gezogen werden, wie es beim Normalschach mit nacheinander gezogenen Figuren nicht zulässig wäre.
Ob solche zufällig oder auch mal vorsätzlich gezogene Züge, die allen Regeln entsprechen, als Bereicherung des Spielgeschehens anzusehen sind oder regeltechnisch unterdrückt werden sollten, nur weil sie im Normalschach nicht möglich sind, darüber kann man noch diskutieren.
Im folgenden PaarZugSchach-Problem 1 habe ich dazu eine Stellung angegeben, die neben anderen auch solche Lösungen zulässt. An der Suche kann sich jeder interessierte Leser mal versuchen. Notfalls helfe ich.
PZS-Problem 1:
Mit der Spielstellung Kc2, Dd1, Bb5, Bc4 für Weiß und Kg6, Dd8, Lg5, Bg4, Bh5 für Schwarz), haben beim Spiel mit gleichzeitigem Zügen beide Spieler noch Aussichten, mit leichtem Vorteil für Schwarz.
Wenn Schwarz aber den schnellen Damentausch mit De8xd1+ versuchen sollte, kann Weiß ihn mit einem überraschenden Zug bezwingen.
(Wer keinen weißen Lösungszug dazu findet, kann mich mit einer Email befragen. Die ersten drei Anfragen beantworte ich per Email. Danach werde ich die Lösung hier angeben.)
Ich wünsche allen Schachfreunden viel Spaß beim Testen dieser fairen und interessanten Spielweise.
Literatur:
/1/ https://www.google.com/search?q=CHESS960
/2/ https://www.schach-bremen.de/varianten/marseille.hmtl
/3/ PSC: Parrow‘s Synchronous Chess
/4/ http://www.hexenspiel.de/synchronschach/
Spielregeln zum PaarZugSchach (PZS)
PZSR 1: Die Schachvariante PaarZugSchach wird auf dem beim Normalschach üblichen Spielfeld mit den dort verwendeten Figuren und deren Zugrechten gespielt. Die Figuren beider Spieler werden normalerweise als Paarzug gleichzeitig gezogen und sie wirken gleichberechtigt. In den Sonderfällen wird der Paarzug durch ein Erstzugrecht für den mit Schach bedrohten oder en passant schlagberechtigten oder wiederschlagenden Spieler ergänzt.
PZSR 2: Jeder Spieler gibt seinen vorgesehenen Zug zur aktuellen Spielstellung mit Angabe von Startfeld und Zielfeld, vom Gegner zunächst nicht einsehbar, in seinen Zwischenspeicher ein und stoppt danach seine Uhr. Wenn beide Uhren gestoppt sind, werden beide Züge aus den Zwischenspeichern ausgelesen, beiden Spielern gleichzeitig angezeigt und als Paarzug von den Spielern in die Stellung eingearbeitet. Danach werden beide Uhren wieder gestartet.
PZSR 3: Die beiden Figuren eines Paarzugs (ohne Erstzugrecht) starten gleichzeitig von ihren Startfeldern und sie gelangen danach auch gleichzeitig und gleichberechtigt wirkend auf ihre Zielfelder. Wenn der Zug eines Spielers nicht eindeutig lesbar oder nicht ausführbar ist, wird nur der Zug des Gegners ausgeführt.
PZSR 4: Steht auf einem Zielfeld bereits eine gegnerische Figur, wird diese geschlagen.
PZSR 5: Wollen in einem Paarzug zwei Figuren auf dasselbe Zielfeld ziehen, schlägt die stärkere Figur die schwächere. Der andere Spieler kann im nächsten Paarzug ein Erstzugrecht zum Wiederschlagen in Anspruch nehmen, wenn er schlagen kann. Gleichstarke Figuren schlagen sich gegenseitig.
Die hier geltende abnehmende Stärkeskala der Figuren ist: Dame, Turm, Leichtfigur, König, Bauer. Die Leichtfiguren (Läufer und Springer) gelten als gleichstark. Der König schlägt den Bauern.
PZSR 6: Wenn der König eines Spielers mit einem Schachgebot bedroht ist oder der Spieler einen Bauern en passant schlagen darf oder dem Spieler eine gedeckte Figur geschlagen wurde, wird die Stellung als Sonderfall behandelt. Beide Spieler geben dazu ihren vorgesehenen Zug in ihren Zwischenspeicher ein und dem bedrohten oder schlagberechtigten Spieler wird zusätzlich ein Erstzugrecht eingeräumt, um das Schachgebot abzuwehren oder um den Bauern en passant zu schlagen oder um die Figur sofort wiederzuschlagen, die im vorangegangenen Zug eine Figur von ihm geschlagen hat. Der Gegner zieht seinen eingespeicherten Zug danach, wenn er dann noch ausführbar ist. Hat der Spieler einen anderen Zug eingegeben, entfällt sein Erstzugrecht und beide Züge des Paarzugs werden gleichzeitig und gleichberechtigt eingearbeitet.
PZSR 7: Es gelten die Sieg- und Remisregeln vom Normalschach. Zusätzlich endet die Partie remis, wenn beide Könige im Schach stehen oder in einem Paarzug auf benachbarte Felder gezogen wurden.
Stand: 8.5.2026 – Zü
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